Das Lycäum

Wir lieben die neuen Freunde von Chris und Mike aus dem Lycäum. Deshalb teilen wir hier einen längeren Ausschnitt aus dem ersten Tag in Elydion Band 2, geschrieben von Mike.

Mike und Chris lernen am ersten Tag Jol kennen - Halbelb und Adoptivsohn von Elenor, doch erst am Abend kommen die anderen Schüler des Hauses zurück …

***

Die Sonne ging gerade unter, als ich wieder aufwachte – mit einem Riesenhunger. Ich klopfte bei Chris, der etwas zerzaust vom Bett aufschreckte.

»Lass uns runtergehen«, sagte ich.

Er wirkte zögerlich; neue Leute kennenzulernen war nicht so sein Ding.

»Wenn die anderen nur halb so nett sind wie Jol, wird’s ein lustiger Abend«, ermutigte ich ihn.

Er verzog das Gesicht, nickte aber und raffte sich seufzend auf.

Auf unserem Stockwerk gab es eine hölzerne Galerie, von der man hinunterschauen konnte in den Essraum. Dort saßen erst zwei Jungs nebeneinander, beide vertieft in etwas, das verdächtig nach Hausaufgaben aussah. Das war nicht so mein Ding.

Als sie uns runterkommen hörten, sprang der eine Junge auf. Er war etwas pummelig mit rundem Gesicht, schwarzen, krausen Haaren, geröteten Wangen und einem strahlenden Lächeln.

»Ah, die Neuen! Willkommen im Lycäum«, sagte er freundlich und schon außer Atem vom bloßen Aufstehen.

Wir schüttelten seine ausgestreckte Hand, die unangenehm feucht war, und stellten uns vor. Der Junge hieß Albanin und war wohl etwas jünger als wir.

»Danke für deinen Heiltrank«, sagte ich.

Albanin strahlte. »Hat er schon gewirkt?«

Ich hatte zwar nichts bemerkt, wollte ihn aber nicht enttäuschen. »Ich könnte wieder Bäume ausreißen.«

Albanin schien entsetzt über den Ausdruck. »Musstest du früher bei euch Bäume ausreißen?«

Chris kam zur Hilfe. »Ist nur so ein Spruch bei uns. Er bedeutet, dass sich die lahme Ente hier wieder bei Kräften fühlt.«

Ein glückliches Lächeln zeichnete sich auf Albanins Gesicht ab, während ich Chris einen Hieb in die Seite verpasste.

Der andere Junge arbeitete dabei unbeirrt weiter an einer komplizierten Konstruktion aus kleinen mechanischen Teilen. Als Albanin meinen irritierten Blick bemerkte, erklärte er: »Das ist Mikhal. Ihr müsst ihn entschuldigen. Er hört zwar, kann aber nicht sprechen. Und Fremde machen ihm Angst.«

»Hallo Mikhal«, sagte ich. »Schön, dich kennenzulernen.«

Der blickte nicht einmal von seiner Arbeit auf.

»Er muss sich erst an euch gewöhnen«, erklärte Albanin.

»Was baut er da?«, fragte Chris.

Albanin lachte nervös. »Keine Ahnung. Vermutlich einen Zeitzünder für eine Bombe oder so.«

Albanin wirkte vollkommen ernst dabei, aber ich war mir doch sicher, dass es sich um einen Scherz handelte.

In diesem Moment öffnete sich die Küchentür und ein Junge kam mit einem offensichtlich schweren Topf herein.

»Eeeessseeeen!«, schrie er und ließ den Topf auf den Tisch knallen.

Eine Sekunde lang starrten wir uns ungläubig an. Es war Elol, der junge Feuermagier von dem Pferdewagen mit den neuen Schülern, der uns damals ein Stück mitgenommen hatte.

»Das glaub ich ja nicht!«, rief Elol aus. »Ihr seid die Neuen?«

Sofort erzählte er Albanin von unserer Begegnung mit dem vogelartigen Monster.

Dann runzelte Elol die Stirn. »Aber ich dachte, ihr kämt aus einem verlorenen Dorf im Süden von Britoria? Wieso wart ihr damals auf der Straße von Mondfall zum Mondtor?«

Ich spürte, wie mir das Blut in den Kopf schoss.

»Sie kommen aus Vesper«, erklang Jols Stimme hinter ihm. Er kam mit Tellern, Brot und Früchten aus der Küche. »Der Landweg ist beschwerlich. Sie sind nach der Entdeckung ihres Talents nach Mondfall gesegelt und von dort zum König gereist.«

Elol war mit dieser Antwort zufrieden. »Setzt euch. Die Küche hier hat schon bessere Tage gesehen, aber man überlebt’s.«

»Oder man verfeinert sie mit H’gash«, rief Albanin und deutete stolz auf ein Einmachglas neben sich.

»Albanin!«, tadelte ihn Elol. »Sie sind gerade erst angekommen und du willst sie schon umbringen?«

Albanin lachte. »Ihr seid einfach keine Feinschmecker!«

In dem Moment kamen zwei deutlich jüngere Schüler die Treppe herunter; vielleicht zwölf Jahre alt. Die beiden stellten sich als Benjamin und Seth vor – Benjamin quirlig, Seth dunkelhäutig und zurückhaltend, mit tiefdunklen Augen, die uns aufmerksam musterten.

Wir setzten uns alle an den gleichen Tisch, Jol füllte die Schüsseln und Elol die Gläser.

»Wohnen wir nur zu acht in diesem riesigen Haus?«, verwunderte sich Chris.

Benjamin grinste. »Das wäre langweilig. Der neunte kommt sicher bald.«

»Rilayan übt mit den anderen Illusionisten die Nummer für das Abschlussfest«, erklärte Jol.

Benjamin beugte sich verschwörerisch zu uns. »Passt auf, Rilayan taucht immer dann auf, wenn man ihn am wenigsten erwartet. Doch jetzt zähle ich bis drei und dann – steht er in der Tür.«

»Eins … zwei …« Er machte eine dramatische Pause.

Nichts.

»Iss jetzt, Großmaul«, brummte Elol.

Die Suppe war fad und das Brot trocken. Schließlich seufzte ich. »Albanin, gib mal her von deinem Zeug.«

Seine Augen leuchteten, als er mir das Glas rüberschob. »Endlich ein Kenner!«

Die anderen hielten den Atem an. Nur Mikhal bastelte weiter, als ginge ihn das alles nichts an.

»Du musst das nicht tun«, flüsterte Chris besorgt.

Doch, musste ich.

Erst als das Glas vor mir stand, stieg mir ranziger Fischgeruch in die Nase. Aber es war zu spät, und ich mischte etwas von dem Zeug in meine Suppe. Als ich aufschaute, blickte ich in die entsetzten Augen Jols und Elols. Dann rüber zu Albanin, der mir ermutigend zunickte.

Schon als der erste Löffel in meinem Mund war, bereute ich meinen Wahnsinn. Ein überwältigender Eindruck von stinkigem Käse mit Fisch verbreitete sich von meinem Gaumen bis in die Nase. Ich zwang mich, zu schlucken und ein neutrales Gesicht zu wahren.

»Und?«, fragte Albanin gespannt.

»Ist ganz in Ordnung«, versuchte ich, mich mannhaft zu geben, doch Chris unterdrückte krampfhaft ein Kichern.

Albanin war begeistert. »Ist von der Muschelzuchtfarm meiner Eltern in Norhavn. Man lässt sie gären und …«

»Albanin, wir essen!«, schnitt Elol ihm das Wort ab.

Die Haustür sprang auf, und ein rothaariger Junge in meinem und Chris’ Alter rauschte dramatisch herein. Seine kurzen Haare standen wirr in alle Richtungen, Sommersprossen überzogen sein Gesicht, und er grinste, als wäre die Welt ein guter Ort und er mittendrin genau richtig. Mit einem Schwung seines Umhangs verkündete er:

»Ah, Neuankömmlinge! Willkommen in unserem bescheidenen Heim – dem Haus der Sonderlinge!«

Jol verdrehte die Augen, aber Benjamin und Albanin kicherten.

»Zu viel Alkohol bei der Probe?«, stichelte Elol trocken.

Rilayan ließ sich nicht beirren. Er kam näher und sprach feierlich: »Mike und Chris, nicht wahr? Lasst mich raten … Mike bist …«. Sein Blick schweifte kurz über uns. »Du!«, sagte er bestimmt und zeigte auf mich.

»Wie hast du das erraten?«, gluckste Benjamin.

»Alter Trick«, murmelte Elol. »Er hat aufgepasst, wen wir anschauen.«

Rilayan verbeugte sich elegant und ausschweifend. »Willkommen, Mike und Chris. Mein Name ist Rilayan von Tys.«

Bei diesem Namen zog sich mir alles zusammen. Chris ging es wohl ähnlich, denn Rilayan stolperte über unsere Blicke.

»Oh je«, sagte er leise. »Lasst mich raten. Ihr seid meinem Onkel Gerhard begegnet?«

Ich warf Chris einen unsicheren Blick zu. Das stand nicht im Pergament.

Rilayan fasste sich wieder. »Keine Sorge. Mein Vater hat den Kontakt zu ihm abgebrochen. Ich weiß, dass mein Onkel ein Monster ist. Ich bin nicht so wie er.« Er schaute zu Jol. »Nicht wahr, Spitzohr? Unsere Familien verachten einander, und doch verstehen wir uns blendend.«

»Er heißt Jol«, warf Seth scharf ein.

»Schon gut«, sagte Jol sanft. Dann zu uns: »Ihr könnt Rilayan trauen.«

»Oh! Danke schön, Musterknabe«, kommentierte Rilayan und setzte sich an den Tisch. »Hast du ihnen schon gesagt, dass wir hier im Haus alle Sonderlinge sind?«

»Sind wir nicht«, murmelte Jol wenig überzeugend.

Rilayan lachte laut, schaute uns dann an und sagte: »Also da hinten haben wir Mikhal. Er ist vermutlich der intelligenteste Schüler am Lycäum. Spricht nie und ist einer von vier Schülern des fast vergessenen Fachs Mecha-Magie. Ach ja, und er hat sich mit einer selbst gebauten Bombe zwei Finger von der Hand gesprengt.«

Mikhal reagierte zum ersten Mal, schrieb, ohne aufzuschauen, etwas auf einen Zettel und schob ihn zu uns rüber.

Dionit-Granate, stand darauf. Und tatsächlich bemerkte ich, dass ihm die zwei letzten Finger der rechten Hand fehlten.

»Albanin – begabter Heiler, aber er brennt lieber Schnaps. Wurde erwischt, deswegen sitzt er hier.«

»Und mir gefällt’s«, gluckste Albanin.

»Spitz… äh, Jol hier musste isoliert werden, weil wir viele Schüler verbannter Familien am Lycäum haben, die nicht gut auf Elben zu sprechen sind.«

»Verbannte?«, fragte ich nach.

Rilayan schaute mich verblüfft an. »Ja klar, alle Menschen, die aus den Elbenlanden verbannt wurden. Nach der Ausrufung der Aanfayar-Blockade.«

Jol lächelte traurig. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie jemand einen derart höflichen und freundlichen Menschen nicht mögen konnte.

»Er ist auch der stärkste Magier unter den Schülern«, ergänzte Elol.

»Na ja«, meinte Rilayan. »Kommt darauf an …«

»Er ist der Beste«, warf Seth wieder scharf ein.

»Also gut«, gab Rilayan dramatisch nach. »Der Beste – und der Langweiligste.«

Jol lächelte wieder etwas freundlicher. Überhaupt wurde die Atmosphäre langsam ausgelassen, obwohl sich hier alle ständig zu zanken schienen. Mir gefiel das, so was war ganz mein Ding.

»Und Elol hier …« Rilayan legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Hat einen so absurden Gerechtigkeitssinn, dass er die kleinen täglichen Ungerechtigkeiten unter den normalen Schülern nicht ertragen konnte. Also kam er zu uns.«

Elol errötete leicht, sagte aber nichts.

»Er ist auch mutig, freundlich und ein herausragender Magier«, fügte ich hinzu.

Rilayan legte den Kopf schief. »Gut beobachtet, Mike.«

Chris blickte zu Benjamin und Seth. »Und die beiden?«

Rilayans Gesicht wurde erstmals ernst, so als fehlten ihm die Worte. Es wurde kurz still im Raum.

»Meine Magie ist manchmal instabil«, erklärte Seth dann. »Es … gab einen … Unfall.«

Die Worte blieben schwer im Raum hängen.

»Und ich begleite ihn, weil ich sein Freund bin«, warf Benjamin schnell ein, als wollte er die Schwere damit vertreiben.

»Und du?«, fragte Chris und schaute zu Rilayan.

Der lachte erst einmal und lehnte sich dann zurück. »Mich haben sie hierher versetzt, damit ihr alle nicht vor Langeweile sterbt. Mit Jol und Elol hättet ihr sonst einen Überschuss an Vernunft hier.«

Dann beugte er sich über den Tisch zu uns. »Aber jetzt zu euch! Was macht euch beide so sonderbar, dass ihr bei uns gelandet seid?«

Chris und ich schauten uns ratlos an.

»Sie sind schon sehr alt für einen Eintritt ins Lycäum«, sprang Jol ein. »Darum passen sie nicht in die regulären Klassen.«

Rilayan lachte. »Du glaubst nicht ernsthaft, dass unsere Meister sie deshalb zu uns gesteckt haben?«

»Wir sind ganz normal«, sagte ich probeweise.

»Normal?«, wiederholte Rilayan, als wäre es ein Schimpfwort. Dann wurde sein Grinsen noch breiter. »Niemals! Vergesst es! Verwerft die Normalität. Ihr seid genial. Sonst wärt ihr nicht hier.«

Chris und ich wollten protestieren, doch er winkte ab. Er stand auf und wandte sich an alle. »Leute, so geht das nicht. Zwei Neue und keine Feier?«

Albanin verstand sofort und damit erschien ein ebenso breites Grinsen auf seinem Gesicht.

»Rilayan, nein!«, warnte Jol, aber zu spät. Rilayan machte eine Bewegung und die Wände waren reich mit Teppichen dekoriert, zahlreiche Kerzen schwebten über uns und schufen eine zauberhafte Atmosphäre.

»Das ist verboten!«, protestierte Elol.

»Und? Wurden wir je von einem Lehrer kontrolliert?« Rilayan öffnete einen Schrank, zog eine Laute hervor, sprang auf die Bank und zupfte die Saiten.

»Meine Herren – ein Lied zu Ehren unserer zwei neuen Helden!«

Dann legte er los, und ich muss zugeben: Spielen konnte er. Sein Auftritt war vielleicht prahlerisch und allzu lässig, aber er machte Stimmung, besonders als er einen frei erfundenen Text über Chris und mich zu singen begann: zwei ganz normale Jungs, die im Lycäum ihr Talent entdecken, zu berühmten Magiern werden und am Ende die Welt retten. Ich schaute zu Chris – aber nein, es konnte nicht sein. Rilayan wusste nichts über uns. Er war einfach ein Freund der großen Worte. Seine Stimme war warm und vibrierend, der Rhythmus mitreißend, und Albanin und Benjamin klopften im Takt auf den Tisch. Man konnte ihm wirklich schlecht widerstehen.

Am Ende verbeugte Rilayan sich theatralisch unter großem Beifall. Beifall von allen, außer Mikhal. Der schrieb bloß etwas auf einen Zettel und schob ihn rüber. Laut, aber kreativ, stand drauf.

Rilayan grinste selbstzufrieden. Ein Charmeur. Wären Mädchen hier, wäre er ihr Held.

»Mach Pause, das Essen wird kalt«, sagte Jol. Rilayan sprang elegant von der Bank runter und setzte sich.

Doch da begann Mikhals Gerät, laut zu ticken. Entsetzt schauten wir zu ihm rüber. Er blickte nicht auf, aber seine Handbewegungen wurden schneller.

»Verdammt!«, schrie ich und stürzte mich auf Chris. Wir fielen rückwärts von der Bank auf den Boden, doch es tickte immer noch. Die anderen Schüler schauten uns entgeistert an.

Rilayan lachte laut los. »Keine Sorge, wir sind uns das gewo…«

Mikhal packte Jols Arm, ohne aufzuschauen. Dessen Augen verengten sich, und mit einer einzigen, fließenden Bewegung hob er die Hand. Das Wort, das er sprach, war leise, doch es hallte wie ferner Donner in der Luft wider. In einem Sekundenbruchteil umhüllte eine blau schimmernde Schutzsphäre Mikhals Konstruktion. Ihr Klang war wie aus einer anderen Welt, zuerst wie brechendes Glas und dann immer tiefer, als würde etwas ausbrechen wollen. Es gab einen starken Blitz im Innern der Magiehülle, dem folgte ein dumpfer Knall. Der Zauber verschwand und geschmolzene Metallteile fielen zu einem Häufchen zusammen.

Für eine Sekunde war es ruhig, dann fluchte Rilayan laut los: »Mikhal, du verdammter Irrer! Willst du uns alle umbringen?«

Der schaute nicht einmal auf und betrachtete stattdessen die rauchenden Überreste seiner Konstruktion. Dann notierte er wieder etwas und schob es zu uns rüber.

Du hast mich abgelenkt, stand darauf.

Alle atmeten auf.

»Schon gut«, beschwichtigte Jol. »Ist nichts passiert.« Ich bemerkte jedoch ein Zittern seiner Hand, die er sogleich unter dem Tisch versteckte.

»Wir sollten dir eine Statue errichten«, sagte Rilayan. »Ohne dich wären wir jetzt Geschichte.«

Elol schaute Jol voller Bewunderung an. »Einen so mächtigen Schutzzauber hab ich noch nie gesehen.«

»Wie konntest du so ruhig bleiben?«, fragte ich Jol, während ich mich noch vom Boden erhob.

»Übung«, sagte er leicht errötend, lächelte jedoch. Dabei hielt er eine Hand brüderlich auf Mikhals Schulter, als vergebe er ihm seinen Fehler. Der starrte aber wieder nur auf die rauchenden Teile und begann, sie auseinanderzunehmen.

Elol verdrehte die Augen. »Wir haben heute Abend mehr Lycäumsregeln gebrochen als im ganzen letzten Jahr zusammen.«

Das wiederum brachte das schelmische Lächeln wieder auf Rilayans Lippen zurück. »Vielleicht ist das euer Talent?«, fragte er Chris und mich.

»Ich hoffe es nicht«, meinte Chris trocken. Er strich seine Kutte glatt und setzte sich wieder.

»Albanin«, rief Rilayan, »ich glaube, wir brauchen jetzt alle einen Schluck von deinem Spezialzeugs.«

Albanin erhob sich mit einer Wendigkeit, die ich bei seiner Statur nicht für möglich gehalten hätte. Er grinste von Ohr zu Ohr, während Elol theatralisch die Hände vors Gesicht schlug und flüsterte: »Wollt ihr noch eine Regel brechen?«

Albanin holte eine Flasche, und dann wurde es richtig ausgelassen. Der selbst destillierte Johannisbeerschnaps schmeckte wahnsinnig gut. Er produzierte ihn in Norhavn in den Ferien und schmuggelte anscheinend immer einige Flaschen ins Lycäum. Rilayan packte Karten aus, man erklärte uns, was man damit spielt, und dann zwangen sie uns auch noch, echtes Geld zu setzen, was laut Elol einen weiteren Verstoß gegen die Regeln darstellte. Ihr Spiel erinnerte an Poker. Mikhal und die beiden Kleinen zogen sich zurück, und auch Chris sagte, er sei müde, und ging nach oben. So spielten wir zu fünft bis in die Nacht.

Rilayan tat so, als sei er ein genialer Spieler, aber man erkannte sofort, wenn er bluffte, und er verlor, während Jol regelmäßig gewann. Das minderte die Stimmung jedoch nicht.

Am Ende dieses Abends fühle ich mich, als hätte ich ein neues Zuhause gefunden. Nur der Gedanke an die Prüfung lastet beim Einschlafen wie ein Gewicht auf meiner Brust: Morgen werden sie sehen, was in mir steckt. Oder eben nicht.


Erscheint am 18. März 2026