Drei Momente aus Elydion - Die Insel

Nach dem Massaker von Mondfall versuchen Chris und Mike, sich selbst nicht zu verlieren. Doch ihre Ausbildung geht weiter – nur nicht im Lycäum. Schon bald folgen sie Ammon von Goth, dem mächtigsten Magier Thaloriens, auf eine Strafexpedition gegen die Piraten der südlichen Inseln. Er hält sich an keine Regel, die er nicht selbst gemacht hat, und er unterrichtet, wie er lebt: draußen, im Ernstfall.

Ihr Ziel ist Osolaia: eine abgeschottete Insel aus Klippen, Intrigen und Gewalt, beherrscht von einem Mann, der jedem Piraten Schutz gewährt, solange er ihm dient.

Ammon war schon einmal dort. Was er damals verloren hat, erzählt er ihnen nicht.

Die Sonne war inzwischen über dem Meer aufgegangen und tauchte die Welt in ihr warmgelbes Licht. Tief unter uns glitzerte das Wasser wie flüssiges Gold. Die Aussicht war schwindelerregend – hinaus aufs endlose Meer und hinunter zu den weißen Häusern Pallums, die sich an die Klippen schmiegten. Selbst die Schiffe im Hafen wirkten von hier oben klein wie Spielzeug.

Für einen Moment sagte niemand etwas. Der Wind strich warm über die Felsen, und irgendwo tief unter uns kreisten Möwen über dem Wasser.

»Als Kind saß ich oft hier«, sagte Elol verträumt, »und hab mir vorgestellt, zu großen Abenteuern aufzubrechen.«

Dann tauchte er plötzlich vor mir auf: der Eingang zur Illithier-Höhle. Ein Wasserfall stürzte von der Klippe und über einen riesigen Steinkopf in einen kleinen See. Der Kopf war lang gezogen und vermoost – aus seinen hohlen Augen sprudelte Wasser wie Tränen. Der weit aufgerissene Mund bildete den Eingang zur Höhle. Der Kopf wirkte wie das Grab einer verlorenen Welt.

Ich stieg über einige aus dem Wasser ragende Steine zum Eingang hinüber, bis ich sah, dass weiter hinten der Mund mit Brettern zugenagelt worden war. Aus der Dunkelheit dahinter glaubte ich, einen kühlen Luftzug zu spüren.

Fasziniert blieb ich stehen und betrachtete dieses alte Monument. Ich glaubte, die Verzweiflung der Erbauer spüren zu können. Gefangen in einer fremden Welt.

»Du fragst dich, was da unten wohl lauern mag«, erklang eine Stimme hinter mir.

Osolaia wirkte aus der Ferne unwirklich. Dunkles, saftiges, fast bläuliches Grün überzog die Insel wie ein Teppich. Nur ein imposanter, kahler Vulkan ragte darüber empor. Erloschen und trotzdem bedrohlich. Rötliche Klippen, die ins türkisfarbene Meer stürzten. Eine enge Passage dazwischen, und dann die breite Bucht mit der Stadt, wo weiße Häuser sich dicht aneinanderdrängten.

Wir hatten keine Ahnung, was uns erwartete. Unsere Herzen schlugen wild, während wir leise durch die relativ enge Passage segelten.


Manche Geschichten erklärt man nicht. Man folgt ihnen.

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